Satire aus der lieben DDR-Zeit. Clown-Duo “Boony und Kullebumm” im Hochwasser der Elbe bei Magdeburg.
Während einer Tournee des Clown-Duos “Boony und Kullebumm” über die Konzert-und Gastspieldirektion Magdeburg, sollten wir um 15 Uhr in Gommern mit unserem Programm die Kinder begeistern. Wir wohnten 14 Tage in Magdeburg und planten sorgfältig am Vortag eines jeden Gastspiels die Reiseroute – und zwar die kürzeste, sozusagen die ganz kurze. Bei der Fahrtkostenabrechnung hingegen war eine etwas längere Strecke vorgesehn. Schließlich musste man irgendwie kilometermäßig über die Runden kommen.
Auch an jenem Tag war alles präzise geplant und wir fuhren Richtung Gommern. Als wir eine tiefer gelegene Straße überqueren wollten, war diese durch den Rückstau des Elbwassers in einer Breite von etwa 80 Metern und einer Wasserhöhe von zirka einem Meter überschwemmt. Längere Zeit beobachteten wir die LKW’s, die durch das Elbwasser fuhren. Für PKW war die Straße gesperrt. Wir hatten an diesem Tag den Kastenwagen B 1000 im Einsatz, der zur Freude der Volkspolizei von allen Seiten groß beschriftet war: BOONY UND KULLEBUMM – BERLINER CLOWNS. Beschriftete Fahrzeuge in einer derartigen Größe gab es in der DDR nicht, doch die Polizei schien bei Clowns ein Auge zuzudrücken. Jeder, der die Schrift las, war sogleich begeistert. Die Erwachsenen dachten an ihre Kindheit und für die Kinder waren wir die idealen Ulknudeln vom Dienst.
Mein Freund Kullebumm, Werner Hassepaß, dem das Fahrzeug gehörte, zögerte noch und es fand eine intensive Beratung statt. Wir machten es mit diesem Lieferfahrzeug immer so, dass wir mal PKW und mal LKW waren. Clowns sind flexibel. War eine Straße für LKW’s gesperrt, waren wir PKW. Hier war die Straße für PKW’s gesperrt. Kullebumm schaute in den Rückspiegel und fuhr zur Straßenmitte und danach ab in die Brühe ! Vor uns teilten sich die Wellen und ich hatte den Eindruck, in einem Boot zu sitzen. Alles klappte wie am Schnürchen und wir beide schienen augenblicklich “Dick und Doof” Konkurrenz zu machen.
“Siehste, Boony, es klappt !”, sagte Kullebumm und ich nickte ihm zu.
Als ich zum zweiten Mal nicken wollte, blieb der Dampfer mit einem zischenden Geräusch stehn. Wie auf Kommando sagten wir synchron:
“Ach du Scheiße !”
Kullebumm ließ sich nicht lumpen und versuchte neu zu starten. Das hörte sich so an, als ob man mit einer Kaffeemaschine einen Milchkaffee zubereiten will. Ich öffnete rechts die Tür und stellte fest, dass das Wasser wie abgemessen kurz unter der Tür aufhörte.
“Siehste, Glück gehabt, es hätte schlimmer kommen können !” meinte Kullebumm, worauf ich ihm entgegenete: “Schau mal ! Sieht aus wie mitten im Meer !”
“Ja”, antwortete er, “wir machen hier Urlaub !”
Galgenhumor. Kullebumm holte in aller Ruhe belegte Brote aus seiner Tasche und begann zu frühstücken, während ich mir eine Zigarette ansteckte. Ich stieg auf die Außenkante, hielt mich oben am Auto fest und peilte im Stehen die Lage. An beiden Ufern hatten sich unzählige LKW’s gestaut.
“Kullebumm, ich habe eine Idee. Kremple dir die Hosen hoch und versuche die Karre rauszuschieben und ich setz’ mich ans Steuer !”
“Ja, ja, das könnte dir so passen, Boony. Die können ja uns von der anderen Seite rückwärts rausziehn. Eigentlich müsste das klappen.”
“Kullebumm, am besten wird es sein, wenn uns ein LKW von hinten rausschiebt.” Kullebumm stimmte mir zu und ich machte einem bereits im Wasser stehenden LKW-Fahrer gestisch klar, dass er uns eine von hinten verbraten sollte. Langsam näherte sich das Fahrzeug. Kullebumm aß in gespannter Ruhe weiter und verfolgte das Spektakel im Rückspiegel.
“Rummms !” Kullebumm’s restliche Schnitte flog aus der Hand und ich war begeistert. Langsam drückte uns der Fahrer mit seinem großen Laster durch die Furt und in uns machte sich die Hoffnung breit, doch noch rechtzeitig die Kinder in Gommern begeistern zu können. Am anderen Ufer angekommen, wurde erst einmal die Handbremse angezogen und Kulle stieg aus, um sich den Wagen von hinten zu betrachten, ob die Rückseite Schaden genommen habe. Abgesehen davon, dass beide Türen eingedrückt waren, machte das Auto noch einen gesunden Eindruck. Wir bedankten uns und überlegten, wie wir das Amphibienfahrzeug wieder flott kriegen könnten.
Vor uns war ein großer Parkplatz. Wir sprachen einen parkenden LKW-Fahrer an, ob er uns auf dem Platz anschleppen könnte. Er war sofort einverstanden. Das Abschleppseil hatten wir stets sofort griffbereit und die Sache konnte losgehn.
“Den zweiten Gang einlegen, die Kupplung drücken und bei Geschwindigkeit loslassen !”, rief der LKW-Fahrer. Ich betrachtete mir das Manöver außerhalb des Fahrzeuges und traute meinen Augen nicht. Aus dem Auspuff kam ein dicker Wasserstrahl rausgeschossen. Nun fuhren Abschleppfahrzeug und Clownkutsche eine Ehrenrunde nach der anderen und selbst nach der dritten Runde schoss noch Wasser aus dem Auspuff. Alles vergebliche Mühe, der Motor hatte Totalschaden.
Glücklicherweise bekamen wir bald danach einen neuen Motor, was in der DDR keinesfalls so ohne weiteres möglich war und wir konnten die Tournee zur Freude der Kinder fortsetzen.
LG Dieter Raedel.
P.S.:
Herzlichen Dank an Werner Hassepaß, der mir für diese Story wertvolle Hinweise gab.
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