Ohorn Silberweide Apfelschießen | überarbeitet

By prenzlmaler

Der grausame Krieg war vorbei und wir Kinder hungerten. Langsam gewannen die Menschen neuen Lebensmut, doch es fehlte an den nötisten Dingen des Lebens. In meinem Heimatort Ohorn am Fuße der Oberlausitz, wohnten wir zur Untermiete in einem recht beschaulichem Haus. Die Hauseigentümerin besaß ein kleines Grundstück, das sich zirka 60 Meter entlang der abfallenden Straße ausdehnte, wo ein Einfahrtsweg zu einer Gärtnerei das Anwesen unterbrach. Das restliche Stück, eine kleine Wiese, befand sich unterhalb des Gärtnereiweges. Das Grundstück war eine mit Obst-und Kirschbäumen bepflanzte Wiese und gegenüber der abfallenden Straße erhöht. Bevor man vom Rasen die Straße erreichen konnte, musste man einen tiefen Straßengraben durchqueren oder diesen Weg benutzen. Die Eigentümerin nannte ich liebevoll “Tante Ella”.

Gegenüber dem unteren Auslauf des Anwesens befand sich die “Gaststätte Silberweide” oder wie es später in großen Lettern zu lesen war: “Gasthof zur Silberweide”. Rechts und links des gepflasterten Anfahrtplatzes der Dorfgaststätte standen zwei riesige Silberweiden, die in der heutigen Zeit der Straße den Namen gaben: Silberweidestraße. Langsam wurden die Kriegsschäden beseitigt und der “Kegelraum”, dem sich eine Kegelbahn anschloss, erhielt zur Straße hin endlich eine große, neue Scheibe. Man konnte die Freude des Gaststätteninhabers Harry Wünsche, der auch ein ausgezeichneter Fleischermeister war, gut verstehn und selbst wir Kinder freuten uns über die Veränderung zum Guten hin.

An jenem Tag stand ich mit meinem Schulkameraden Jürgen, der in eine andere Klasse ging und bereits damals “Franz der Große” hieß, unter einem Apfelbaum, der sich in unmittelbarer Nähe zum Gärtnereiweg befand. Dieser Baum war berühmt für seine saftigen Äpfel, doch zu jener Zeit bereits abgeerntet. An einem weit ausladenden Zweig hing zu unserer Überraschung noch ein Apfel. Wir versuchten den Baum zu schütteln, doch unsere kindlichen Kräfte reichten nicht aus, dem Baum den letzten Apfel zu entlocken. Alle Versuche, den Baum zu erklettern, schlugen ebenso fehl. Nirgends konnte eine Stange aufgetrieben werden, um an dieses leckere Exemplar zu kommen. Wir beschlossen, den Ast zu beschießen. Steine gab’s in Hülle und Fülle am Straßenrand. Zwar trafen wir ab und zu, doch der rosige Apfel blieb hängen.

Jürgen und ich suchten nach größeren Steinen und waren erfolgreich. Jetzt wird’s ihm an den Kragen gehn, der Wucht dieser Steine wird er nicht widerstehen können. Kurz Anlauf nehmend, schossen wir beide ununterbrochen mit aller Kraft in Richtung Apfel. Leider hörte man ein paar Augenblicke später die neue Scheibe des gegenüberliegenden Kegelraum-Fensters zerbersten. Jürgen machte sich sogleich aus dem Staube mit dem Hinweis, dass ich es gewesen sei, obgleich die Frage nie ganz geklärt wurde.

Schwer angeschlagen setzte ich mich an den Gärtnereiweg und dachte über die ständige Zunahme meines Sündenregisters nach. Heulend sah ich Tante Ella auf mich zukommen, die eines ihrer Schafe lospflockte und dem Tier ein neues Terrain unter dem Apfelbaum zu verschaffen. Von der kaputten Scheibe wusste sie noch nichts. Sie ging zurück zu ihrem Haus. Das Schaf schien sich über mich lustig zu machen und ich warf ihm ein losgerissenes Grasbüschel samt Wurzelwerk an sein Fell. Danach schaute ich weg, weil es mich so dämlich anstarrte.

Mein Blick richtete sich nun zur zerschlagenen Scheibe. Genau in diesem Moment hörte ich einen gedämpften Aufprall : es war der Apfel. Sofort stand ich auf und mein freudiges Empfinden gewann urplötzlich an Fahrt. Aber nicht lange. Das Schaf ging vorn in die Knie, kam so an den Apfel und fraß ihn mit grandiosem Appetit. In diesem Augenblick entgleisten meine Gesichtszüge.

LG Dieter Raedel.

Nachtrag:
Während eines Telefonats mit meinem Klassenkameraden Eberhard, Sohn des Gaststätteninhabers, kamen wir auf diese Story zu sprechen, weshalb ich mich zur leichten Veränderung der Geschichte entschloss. Eberhard meinte, auch er wisse nicht, wer die Scheibe ungewollt zerschossen habe und teilte mit, es lediglich scherbeln gehört zu haben.

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