Nun liegen wir hellen Glitscherschläuche auf dem Rost, um in Berliner Manier gebräunt oder verkohlt zu werden. Wenn auf der Kreidetafel „Berliner Rostbratwurst“ in riesigen Lettern zu lesen ist, verfinstert sich meist das Gesicht des Gastes zu einer Gewitterwolke. Wir haben es wirklich nicht einfach, da wir uns gegenüber den Kollegen aus Thüringen wie erbärmliche Fehlgeburten vorkommen. Woran mag das nur liegen, dass wir Hauptstädter nur gefragt sind, wenn der äußerste Hunger uns reintreibt und keine Thüringer Rostbratwurst in der Nähe ist ? Haben wir kein Recht, gut gewürzt auf den Markt zu kommen ? Müssen wir stets und ständig lasch schmecken, damit Thüringen die Nase vorn hat ? Wer weiß, was sich die Fleischerinnung da auf die Dauer ausdachte, um uns Berliner Fadwürsten den verteufelten Ruf zu erhalten.
Heute haben wir ein Grillgastspiel im Prenzlauer Berg am Tage des EM-Finales Deutschland gegen Spanien. Ausgestreckt ruhen wir auf dem verkohlten Grill des Betreibers, der uns anständig Feuer unter den Hintern macht. So richtige Freude will da nicht aufkommen. Im Selbstversuch hat der Obergrillmeister ein Stück von einem Gleichgesinnten abgeknabbert. Das war mutig. Anschließend spülte er das kleine Häppchen mit einem Glas Pils runter. Es scheint gut gegangen zu sein.
Bisher kosteten die Thüringer Rostbratwürste 1,50 Euro und gingen ab wie Veilchen im Winter. Wir Berliner Grillschlingerlinge kosten am Finaltag 2 Euro, um uns aufzuwerten. Ob mit dieser Taktik die Nachfrage nach uns Kreationen der Berliner Fleischerinnung steigt, wagt jeder von uns unverzüglich zu bezweifeln. Ein Hungriger näherte sich dem Stand und meinte: „Wenn ich die Dinger sehe, weiß ich wo Deutschland landet.“
Ich gehe jede Wette ein, dass es vereinzelt Mägen gibt, die uns nach urbanen Verdauungsversuchen ohne ernsthafte Schäden überstehen. Für diese Sorte Feinschmecker sind wir wie geschaffen. Vielleicht sollte man ein großes Schild in unserer Nähe aufstellen, wo man unzweideutig die Risiken und Nebenwirkungen beim Verzehr von Berliner Rostbratwürsten einschätzen kann. Man sollte endlich mit dem Vorurteil aufräumen, man habe die auf den Fliesen liegenden Innereireste von Schweinen in unseren Naturdarm gestopft. Solche erbärmlichen Hirngespinste lehnen wir ab. Widerwärtig ist auch die Tatsache, dass man in einer Rostbratwurstliste aus Sicherheitgründen die Berliner Rostbratwurst gar nicht erst erwähnte, hingegen sogar die Olmar-Bratwurst aus St. Gallen aufgeführt wurde. Das ist schlicht und ergreifend Diskriminierung und verstößt vermutlich sogar gegen das Grunzgesetz. Allerdings ist uns bekannt, dass das Wissen der Berliner Fleischer von Generation zu Generation unter vorgehaltener Hand weitervererbt wird und somit unser traditionsverwurzelter Ruf erhalten bleibt.
Während ich aus meinem Bratwurstleben berichte, treibt uns die Hitze das letze Gramm Fett aus der Pelle. Man trieft vor sich hin und wartet auf ein Wunder. Plötzlich schießen Stichflammen zum Himmel und einige von uns angebräunten Brutzler krümmen sich in der Feuersbrunst. Der Grillmeister schüttet einige Glas Bier über die Kohle, wobei dunkle Rauchschwaden den Berliner Himmel verdunkeln. In diesem Moment schießt Spanien ein Tor !
Geschwärzt gucken wir entgeistert einen Kunden an. Er wählt mich aus. Er scheint sich mit uns Grillwürsten auszukennen und verlangt als Beiwerk fünfzehn Löffel Senf. Ha, da habe ich noch einmal Glück gehabt, die anderen Kollegen bleiben auf dem heißen Roste liegen.
Eine Berliner Schnurre von Dieter Raedel.
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