Ohorn. Kinderfasching. Unser Dresden brennt !

By prenzlmaler

Mit meiner um den Hals gehängten Ticktack, die ich zum 5. Jahrestag meines kleinen Lebens in Ohorn im Januar um den Hals gebaumelt bekam, verband sich kindlicher Stolz. Die Ticktack durfte während des Spiels nicht fehlen, sie gehörte zu mir. Es war eine richtige Taschenuhr. Das Spielzeug lebte und ich war vom Ticken berauscht. Oft stiefelte ich mit der Uhr am Ohr auf dem kleinen Hof umher, wackelte im Rhythmuas des Tickens mit dem Kopf und wurde ein Teil der Uhr. Im Winter lud jedoch der Schnee zum munteren Treiben ein und meine Uhr gelangte etwas ins Hintertreffen.

Genau am Garten war eine Rodelbahn. Es war ein Schneehaufen von etwa einem halben Meter Höhe und man konnte eine Strecke von ungefähr drei Metern mit dem Schlitten zurücklegen. Meine Schwester Edith schob mich rückwärts hoch. Bald ließ sie los und ich rauschte, beide Händchen nach vorn auf den Schlitten gestützt, den Hang hinunter. Als ich mich an die Piste gewöhnt hatte, bekam ich an der Startrampe einen Schubs und die Fahrt wurde schneller und ging weiter. Meine Schwester hatte ihren Spaß dabei, mich immer schneller nach unten zu befördern. Bei einer Fahrt flog ich kopfüber in den Schnee und hatte mir offenbar weh getan. Meine Mutter kam, um mich zu trösten. Ich tippelte mit ihr ins Haus, wollte von meiner Schwester nichts mehr wissen. In der Stube saß ich auf den Dielen und drückte meine Ticktack. Die Uhr erzählte mir etwas, was ich nicht genau verstand.

Mitten im Januar schauten wir zum Himmel. Überall blinkten silberne Flugzeuge. Ein dauerndes auf – und abschwellendes Motorengeräusch lag über unserem Ort. Wir Kinder nahmen Zweige in die Hände und rannten mit denen im Hof umher und ahmten dabei die Motorengeräusche der Flieger nach. Irgendwie hatte sich unser Spiel verändert.

Meine Mutter hatte meine Schwester und mich verkleidet, man sagte “angescheuselt”. Ich trug an diesem Tag die Mädchenkleider meiner Schwester und wir hatten viel Spaß, da wir komisch ausschauten und uns auch recht eigenartig bewegten. Den Erwachsenen gefiel das alles. Es war Fasching. Manche sangen Lieder und es gab auch Süßigkeiten. Wenn es etwas Leckeres gab, war das Spiel besonders schön.

Am nächsten Tag ging unser Faschingstreiben weiter, doch schauten wir mittags wieder zum Himmel. Alles dröhnte. Plötzlich schrien die Erwachsenen und versammelten sich vorm Haus. Gebannt blickten sie in Richtung unseres Niederwaldes, über dem sich ein riesiger gelborangener Schein gebildet hatte, der von hellen nach unten fallenden Lichtern begleitet wurde. Alle riefen : “Dresden brennt ” Wer war Dresden ? Was ist das ? “Die werfen Christbäume ab !”, sagten die großen Leute. Irgendwie spürte ich Angst. “Das Feuer haben die Flieger angerichtet, die über uns lang donnern.” Am nächsten Mittag kamen die Flieger mittags wieder und wir gingen in den Keller. Wie gern hätten wir gespielt, doch nun hatten wir von den blitzenden Pfeilen am Himmel Angst. Erstmals hörte ich das Wort “Bomben”. Nach dem Mittagessen versammelten sich wieder viele Erwachsene vor dem Haus und schauten auf den Feuerschein.
“Unser schönes Dresden brennt !”

Gruß Prenzlmaler Dieter Raedel.

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